Wednesday, April 4, 2012

Der Mann im Rollstuhl

Mitten in Afrika. Lange ist es her. Nun ist er da. Ich halte seinen Brief in meinen Händen. Eine Träne rollt die Wange hinab, still. Meine Lippen berühren das Papier. Die Distanz bleibt. Ich vermisse die Gespräche mit ihm. Ein Mann der immer auf andere angewiesen sein wird. Ein Mann der an seinen Rollstuhl gefesselt ist. Intelligent ist er, reisen würde er. Er ist an allem interessiert. Er hat nur kaum Möglichkeiten. 

Er liebt die Kinder mit denen er täglich arbeiten darf. So verdient er nebenbei ein bisschen Geld. Das Wochenende verbringt er im Zentrum nebenan. Seine Freunde sitzen auch im Rollstuhl. Er kann sich ewig mit ihnen unterhalten und lachen. Sie beobachten die Passanten wie sie gemütlich vorbei gehen. Der eine oder andere grüßt ihn. Kinder springen vorbei, lachen. Andere tragen Wasser auf ihrem Kopf und grüßen freundlich. Die älteren Bewohner des Zentrums sind nicht mehr ganz so unterhaltsam. Sie verbringen ihre Nachmittage oft stundenlang schlafend unter den Mangobäumen. 

Der Mann im Rollstuhl hatte eine Freundin. Ich hatte sie nie kennengelernt. Sie starb letztes Jahr. Ich ging nicht auf die Beerdigung. Ich wusste nicht ob er sich gefreut hätte oder ob es unangebracht war. Ich ging nicht. Ich bereue es noch heute. Ich war nicht da für ihn.

Ich sah ihn am Montag nach der Beerdigung. Seine dunklen Augen leuchteten obwohl er bestimmt stundenweise geweint hatte. Er hatte ein zaghaftes Lächeln auf seinen Lippen als ich ihn am Oberarm berührte. Bei seinem Anblick kamen mir schon fast die Tränen. Ich brachte nicht viel über meine Lippen. Aber genug. "Es tut mir leid!" 
"Danke Schwester.", mit einer Ehrlichkeit sagt er das. Gefasst wie ich es nie sein könnte. Er schaut weg. Mir fehlen die Worte. Meine Kehle schnürt sich zu. Wenn ich doch nur etwas sagen könnte...aber was weiß ich schon.

Heute ist er wieder ein glücklicher Mann. Er schreibt mir von seinem Leben, von den Kindern. Er wartet auf den Tag wenn er wieder das Flugzeug über seinem Kopf fliegen sieht und weiß, dass ich wieder da bin. 

Damals als ich am Flughafen stand kurz vorm Abflug musste ich ihn einfach anrufen. Geweint habe ich. Noch heute kann er sich daran erinnern wie sehr ich geweint habe und wie ungern ich Afrika verließ.
 

 

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