Sunday, December 5, 2010

Last chance

Die Tür geht langsam auf, ich erkenne kaum etwas. Bist das etwa du? Du stehst da, still. Mit einer Ruhe die ich immer schon an dir bewundert habe. Du musterst mich, kritisch und besorgt zugleich. Die Züge um deinen Mund werden trauriger als du mir ins Gesicht blickst. Nun siehst du die bittere Wahrheit vor dir. Nichts wird mehr schöngemalt, denn dafür bleibt keine Zeit mehr.

Draußen wird es es Nacht und ich sehe den Mond. Er ist so voll wie damals als wir stundenlang am See saßen. In einer Eintracht die ich später mit niemand anderem mehr hatte. Die Füße im Sand vergraben, die Flasche Wein die wir uns teilten, diese Sorglosigkeit über das Jetzt, die Vergangenheit und die Zukunft.

Du siehst immer noch gleich aus, nach all den Jahren. Ein paar Falten hier und da, aber noch die gleichen stahlblauen Augen in denen ich mich immer wieder verlieren könnte. Ich weiß, ich nahm das Telefon nie mehr ab als du angerufen hast. Ich habe dir nie die Türen geöffnet, egal wie oft du angeklopft hast, egal in welcher Stadt ich gewohnt habe.

Zuvor? Nun ja, zuvor war zuvor. Das ist eine andere Geschichte. Würde ich dir heute die Tür öffnen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, ich würde es zumindest in Anbetracht ziehen. In deinen Händen hältst du Blumen. Lila, meine Lieblingsfarbe. Du hast es nicht vergessen. Würde ich jemandem Blumen schenken wenn ich wüsste, dass seine Tage bereits gezählt sind? Dass vielleicht nur noch wenige Stunden übrig bleiben um mich zu verabschieden? Ist dies das letzte Geschenk?

Oder wird mein letztes Geschenk ein zärtlicher Kuss sein? Wirst du wohl meine Hand halten wenn es soweit ist? Wirst du noch einmal so herzhaft mit mir lachen können wie früher? Hast du genauso Angst wie ich? Rast dein Herz so wie meines?

All die Fragen und ich habe auf keine einzige eine Antwort. Langsam realisiere ich, dass die Zeit nun für mich gekommen ist. Es geht hier nicht um irgendeine Person, sondern es geht nur um mich. Ich bin es. Die nächste? Ich bin es die den Tunnel sehen wird. Von dem mir bereits viele erzählt haben und auf den ich mich zwar vorbereitet habe, aber die Angst bleibt. Wie wird es wohl sein, nach diesem Tunnel? Was wird auf mich warten?

Ich überlege wen anzurufen. Ich halte inne. Warum sollte ich? Es ist ohnehin zu spät und ich bin hier. Mit dir. Nach all den Jahren sind es nur noch du und ich. Und das ist alles was zählt. Einen Atemzug später blicke ich dir direkt ins Gesicht und ich weiß, es ist Zeit dir zu vergeben. Es ist Zeit alles was zwischen uns stand, diese Stahltüre zwischen uns, es ist Zeit sie hinter uns zu schließen. Die Barriere ist gebrochen. Vergeben. Verziehen. Ich und du.