"I ran away in floods of shame, I'll never tell how close I came. As I cross the Holland road, you went left and I went right as the moon hung proud and white. You would have loved it here tonight."
Die Nachricht trifft mich hart. Wie ein Schlag ins Gesicht. Ich spüre förmlich meine Wangen glühen. Die Flasche gleitet mir langsam aus meiner Hand und zerschlägt auf dem Boden. Ich sehe die Glasscherben in alle Richtungen springen. Meine Augen sind geschlossen. Ich spüre die warme Hand neben mir meine linke Hand umfassen. Ich presse meine Lippen aufeinander.Beiße mit den Zähnen auf die Unterlippe. Bohre die Fingernägel in meine Handfläche um nicht weinen zu müssen. Der Schmerz ist kaum verspürbar. Die Tränen kämpfen sich durch, mein schwacher Versuch wird ignoriert.
Die Wimperntusche löst sich auf. Schwarzes Tränenmeer. "Weine nicht", sagt er. Er hat schon viele Menschen sterben gesehen. "Das Leben geht weiter.", das letzte was ich jetzt hören will. Der Tod ist etwas mit dem ich noch immer nicht umgehen kann. Das ist Afrika. Ich weiß. Ich lerne es jeden Tag kennen. Die guten wie auch die traurigen Seiten. Es ist heiß doch mir ist bitterkalt. Ich zittere. Ich schwitze aus Angst ihr in ihre schönen Augen sehen zu müsen. "Mana..." wird sie sagen. Das heißt Schwester. Sie wird nicht mehr sagen. Sie muss nicht mehr sagen denn ich kenne die Bedeutung ihrer Worte. Sie wird ab nun jeden Tag alleine aufwachen. Jeden Tag all ihre Aufgaben alleine meistern. Keine starke Schulter mehr haben an die sie sich anlehnen kann. Niemanden mit dem sie lachen und lange Gespräche abends vor ihrer kleinen Hütte führen kann. Auf den zwei Plastikstühlen die sie vor ein paar Monaten stolz gemeinsam gekauft hatten.
Der Mann über den sie sich in der letzten Zeit so viel beklagt hatte ist in der letzten Nacht verstorben. Sie saß daneben und konnte nicht begreifen wie ihr geschah. Der Mann der oft sein Geld nur in Alkohol investierte, der lieber lebte als zu arbeiten, der sie wahrscheinlich mit einer Jüngeren betrügte - er ist nun auf einmal nicht mehr da. Es ist als hätte es ihn niemals gegeben. Sie besitzt ein Foto von ihm und tausende Erinnerungen.
Er hat viel falsch gemacht aber er hat sie trotzdem geliebt. Sie schwärmte von anderen Männern und überlegte wie sie sich von ihrem Mann trennen könnte.
Die Natur hat ihre schrecklichste Lösung gefunden. Er ist nicht mehr. Sie zerbricht fast.
Sie ist ganz in schwarz gekleidet. Für die nächsten paar Monate so wie es ihr vorgeschrieben ist. Sie blickt mich an. Ich halte ihre Hand. Wir sagen nichts. Natürlich sagt sie 'Mana...'. Meine Mundwinkel zucken. Sie sieht es. "Nicht weinen,..", sagt sie. Wir weinen beide. Sie hält meine Hand. "Was soll ich nur machen, mana..."
Wir wischen uns die Tränen ab, nehmen tief luft und gehen nach draußen. Die Kinder dürfen nicht sehen, dass wir geweint haben. Sie kennen das Leid nur zu gut.
Vater und Sohn wieder vereint, sie hatten so oft auf Vaters Veranda verweilt. Dies ist schon Jahre her, heute ist der Tag seiner Wiederkehr. Der Sohn kommt zurück an den Platz den er Zuhause nennt an dem er alle Menschen beim Namen kennt. Jahre war er nun weg doch die Sehnsucht war stets groß, sein Vater kannte ihn nur noch von Fotos bloß. Des Vaters Augenlicht lässt nach und er sieht schlecht, doch als er seinen Sohn im Sonnenlicht stehen sieht denkt er sieht erst nicht mehr recht. Der Sohn, er schweigt. Verzagt er seinen Kopf neigt. Er blickt tief in die Augen seines Vaters. Wasserblau so hell wie der Morgentau. Er hatte es zurück geschafft, mit all seiner letzten Kraft. Der Krieg ist nun endlich vorbei all seine Kameraden verlor er dabei. Die Umarmung hält an aus seinem Sohne ist geworden ein richtiger Mann. Statt Worte fließen Tränen. Still. Lautlos. Zweisam, nie mehr einsam.
Mitten in Afrika. Lange ist es her. Nun ist er da. Ich halte seinen Brief in meinen Händen. Eine Träne rollt die Wange hinab, still. Meine Lippen berühren das Papier. Die Distanz bleibt. Ich vermisse die Gespräche mit ihm. Ein Mann der immer auf andere angewiesen sein wird. Ein Mann der an seinen Rollstuhl gefesselt ist. Intelligent ist er, reisen würde er. Er ist an allem interessiert. Er hat nur kaum Möglichkeiten.
Er liebt die Kinder mit denen er täglich arbeiten darf. So verdient er nebenbei ein bisschen Geld. Das Wochenende verbringt er im Zentrum nebenan. Seine Freunde sitzen auch im Rollstuhl. Er kann sich ewig mit ihnen unterhalten und lachen. Sie beobachten die Passanten wie sie gemütlich vorbei gehen. Der eine oder andere grüßt ihn. Kinder springen vorbei, lachen. Andere tragen Wasser auf ihrem Kopf und grüßen freundlich. Die älteren Bewohner des Zentrums sind nicht mehr ganz so unterhaltsam. Sie verbringen ihre Nachmittage oft stundenlang schlafend unter den Mangobäumen.
Der Mann im Rollstuhl hatte eine Freundin. Ich hatte sie nie kennengelernt. Sie starb letztes Jahr. Ich ging nicht auf die Beerdigung. Ich wusste nicht ob er sich gefreut hätte oder ob es unangebracht war. Ich ging nicht. Ich bereue es noch heute. Ich war nicht da für ihn.
Ich sah ihn am Montag nach der Beerdigung. Seine dunklen Augen leuchteten obwohl er bestimmt stundenweise geweint hatte. Er hatte ein zaghaftes Lächeln auf seinen Lippen als ich ihn am Oberarm berührte. Bei seinem Anblick kamen mir schon fast die Tränen. Ich brachte nicht viel über meine Lippen. Aber genug. "Es tut mir leid!" "Danke Schwester.", mit einer Ehrlichkeit sagt er das. Gefasst wie ich es nie sein könnte. Er schaut weg. Mir fehlen die Worte. Meine Kehle schnürt sich zu. Wenn ich doch nur etwas sagen könnte...aber was weiß ich schon.
Heute ist er wieder ein glücklicher Mann. Er schreibt mir von seinem Leben, von den Kindern. Er wartet auf den Tag wenn er wieder das Flugzeug über seinem Kopf fliegen sieht und weiß, dass ich wieder da bin.
Damals als ich am Flughafen stand kurz vorm Abflug musste ich ihn einfach anrufen. Geweint habe ich. Noch heute kann er sich daran erinnern wie sehr ich geweint habe und wie ungern ich Afrika verließ.
Carmen klappert mit dem Geschirr. Klirr Klirr Klirr. Peter sitzt vor der Zeitung. Raschel Raschel Raschel. Sie reden seit einer Stunde keine einzige Silbe. Alle fünf Minuten wandert ihr Blick die grasgrüne Wand entlang zur großen Uhr. Ihr Zeiger wandert, wie ihr Blick. Ab und zu blickt sie mit einem kritischen Blick ihren Ehemann an. Der erwidert ihren Blick nicht. Raschel. Klirr, klirr. Raschel.
Es ist nicht das erste Mal, dass Sie nach diesem Rezept kocht. Sie muss trotzdem ab und zu ins Kochbuch spähen. Sie will alles richtig machen. Sich keine Fehler erlauben. Wieso eigentlich? Könnte sie doch endlich diesen Perfektionismus ablegen. Was gäbe sie dafür. Sie entdeckt Staub neben Peters Schuh. Sie wischt es weg. Peter ignoriert sie weiterhin. "Meine Aktien sind gestiegen.", sagt er. Sie lächelt leise. Sie weiß, er ist viel beschäftigt. Zu viel für ihren Geschmack. Selbst in seiner Freizeit studiert er konzentriert die Wirtschaftszeitung. Sie sagt ihm oft er soll mehr entspannen. Er hört nicht auf sie. Sie hat ihren Perfektionismus im Haushalt. Er in seinem Geschäft. Und so passen sie irgendwie doch wieder zusammen.
Carmen starrt den Rauchschwaden zu wie sie aus dem Topf in die Höhe schwinden. Sie greift zum Kochlöffel und will gerade den Deckel des kleinen Topfes heben. Ihr wird schwindelig. Ein dumpfer Knall. Lautes Klirren des Deckels. Die Zeitung fällt zu Boden. Raschel. Peters Mund entspringt ein Schrei. Verzweifelt bückt er sich über Carmen.
Es ist das erste Mal an diesem Sonntag, dass er sich um sie kümmert.
Er altert. Langsam aber stetig. Sein Hund ist nicht mehr am Leben. Er hat ihn schon frühzeitig verlassen. Frau. Geschieden. Seit nun etwa zwei Jahren. Partnerinnen. Zig. Er kann sie nicht mehr alle aufzählen. Kinder. Auch. Wie es sich gehört. Doch das Bilderbuchleben ist nicht mehr wie es einmal war. Nun ist er alleine in seinem großen Haus. Manchmal geht er alle Zimmer ab. Öffnet dabei die Türen und geht quer durch den ganzen Raum. Schließt die Türen wieder hinter sich. Erinnerungen an seine Kinder. Verblassen bald.
Das Tor stand immer weit offen. Seine letzte Freundin hatte er einige Zeit. Nun ist es wieder einmal soweit.
Das Tor ist zu.
Wieso wundert es mich? Ich muss nicht fragen um zu wissen, dass sich etwas verändert hat.
Das Tor ist zu. Sein Herz auch.
Er hat das Kapitel E. beendet, abgeschlossen und sie ist somit Geschichte. Sie steht nun wie alle anderen im unsichtbaren Regal seiner Vielzahl an Geliebten.
Eine weitere Trophäe. Ob gewollt oder nicht.
Wie lange wird es wohl gehen bis das Tor wieder offen steht?