Die lustigsten Menschen trifft man im Bus oder in der Bahn. Vielleicht weil man da einfach Zeit hat um Menschen zu beobachten. Ich sitze im Bus von Dornbirn nach Hohenems. Endlich habe ich Feierabend. Ich bin müde und beobachte Menschen, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Eine Frau steigt ein. Sie stampft durch die Reihen und lässt sich schwerfällig auf einen freien Sitz fallen. Sie bemerkt nicht, dass ihr Nachbar sich zurückzieht weil sie so viel Platz braucht. Sie spricht genervt vor sich hin und hält sich schon ihr Handy an ihr Ohr. Während des Telefonats erzählt sie von ihrem Arbeitstag. "Der Bus ist mir gerade vor der Nase davon gefahren also musste ich warten bis der kam. Kannst du dir das vorstellen? Und draußen ist es kalt. Schnee und das kurz vor Ostern. Das ist echt das letzte." Sie spricht viel zu laut und der Mann neben ihr vergräbt sein Gesicht in seiner Hand. Er sieht müde aus. "Inge, die Kassaabrechnung...nichts hat geklappt heute. Wir hätten 765 Kunden heute haben sollen. Wie das wusstest du nicht? Das hat der Chef doch die ganze Zeit gesagt. Das war das Ziel für heute. Aber egal das haben wir eh nicht geschafft. Ich hab mehr Kaffee verkauft als Kuchen..... Erdbeerschnitten? Vier hab ich verkauft von denen. Also Brot ging super vom Kastenbrot blieb gar nichts mehr übrig... Ja, sie hat alles geputzt nur die Geschirrspülmaschine nicht. Soll ich ihr morgen zeigen wie man die putzen muss? Achso das macht die Maria am Samstag? Okay - nein, überhaupt kein Problem. Ich mein ich hätte es ihr schon gezeigt aber wenn das so ist. Okay, ich muss jetzt aussteigen. Mir reichts für heute. Also, wir sehen uns morgen oder? Also, machs gut."
Mir scheint der Mann neben ihr atmet auf. Ich bin froh ihre Stimme nicht mehr hören zu müssen. Sie erhebt sich schwerfällig, stampft bis zur Türe und ist dann endlich weg. Wahrscheinlich geht sie heim und beschwert sich dort weiter bei ihrem Mann über den Schnee, ihre Arbeit, ihre Arbeitskolleginnen und überhaupt über ihr Leben. Und ihr Mann wird ihr vielleicht zuhören oder auch nicht.
Neuer Tag, neue Busfahrt.
Der Busfahrer hört Radio Vorarlberg. Ein Oldie tscheppert aus dem Radio. Der Sänger singt "oh cherie, oh cherie". Ein Mann um die 60 sitzt ein paar Reihen vor mir. Er hat nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Die paar weißen die noch übrig sind sehen aus wie der Kranz von Cäsar. Er ist übergewichtig und sein Kopf wirkt von hinten riesig. Ich kann sehen wie er im Nacken eine große Falte hat. Eine riesige Hautfalte. Mit seiner Hand tippt er am Fenster zur Musik. "Amore cosi, amore si... ", tönt aus den Lautsprechern. Sogar das junge Mädchen vor mir wippt mit dem Fuß und im Spiegel kann ich sehen wie der Busfahrer mit seinem Kopf vor sich hin nickt. Die Falte vom alten Mann ist rot. Es fällt ihm schwer aufzustehen und als er rausgeht verabschiedet er sich überraschend vom Busfharer. Seine Stimme brummt wie die Stimme eines Bären. Er geht zielstrebig zur Trafik an der Ecke. Ich frage mich wie viele Zigaretten er am Tag raucht und ob er jeden Tag mit diesem Bus fährt.
Wednesday, March 27, 2013
Tuesday, March 26, 2013
Tränenmeer
In ihrem Tränenmeer ist sie Kapitän. Sie liegt in der Badewanne im dunklen Raum, dunkel wie die Nacht, nur ein paar Kerzen spenden Licht. Eigentlich hätte sie sich die Kerzen sparen können. Sie hätte hier in dieser puren Dunkelheit im Wasser liegen sollen. Sie segelt durch ihr Tränenmeer. Es ist viel zu heiß, das Wasser ist zu heiß, ihr ist heiß und sie schwitzt. Sie fragt sich was es bringt in heißem Badwasser zu sitzen, den Raum zu heizen und dann schwitzend in der Wanne zu sitzen. Egal. Sie hinterfrägt schon längst nicht mehr alles und nimmt einen Schluck Sekt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Schließlich hat sie endlich Feierabend. Der Kapitän steuert geradeaus, durchbricht das Tränenmeer und schließt die Augen. Die Tränen rinnen weiter, die Backen hinunter, über die Narbe die quer über ihre rechte Wange verläuft . Eine hässliche Erinnerung die nie weggehen wird, die sie nie vergessen lässt. Die Tränne rinnt über ihr Kinn, den Hals hinunter bis sie endgültig im Tränenmeer versinkt. Von dort kann sie nicht mehr entschwinden. Der Sekt sprudelt aus ihrem Mund, den Hals entlang und gesellt sich zum Tränenmeer. Sekt und Tränen teilen sich die Badewanne.
Der Schal
Wir sitzen in einer dunklen Bar. Der Barkeeper verwendet noch CDs und ich fühle mich hier wohl. Es ist wie zu Hause nur viel besser weil ich Menschen beobachten kann. Die Frau bestellt ein Bier nach dem anderen. Ihre Sitznachbarin rückt ihren Barhocker näher zu der Bar und surft im Internet. Mit ihrem rechten Ellbogen stützt sie sich auf die Tischplatte. Zwischen ihren Fingern hält sie eine Zigarette. Wie sie so dasitzt sieht sie elegant aus. Wir stehen auf der Treppe und geben dem Barkeeper ein Zeichen. Er spielt die Musik ab. Wie es halt so ist wenn jemand wieder älter wird. Für ihn ist das alles nichts mehr Neues. Feuerzeug an, Kerzen anzünden, Torte tragen - tata- wie erwartet. Alles Gute und so. Wer isst ein Stück vom Kuchen? Niemand isst Kuchen und wir brauchen keine Teller. Wir trinken Sekt. Nur er nicht, er sitzt an unserem Holztisch und bestellt sich einen Weiß Sauer nach dem anderen. Der Rauch wird unerträglich. Mir tränen die Augen. Ich stell mir vor, dass die Tränen ins Tränenmeer fließen. Wie sieht ein Tränenmeer aus? Wie ein richtiges Meer nur traurig? Wie ist ein trauriges Meer? Ist es düster, hat es Farben? Was für eine Farbe haben Tränen? Ein durchsichtiges Tränenmeer oder ein blutrotes Tränenmeer. Ich kann mich nicht entscheiden. Für einen kurzen Moment hab ich die Kontrolle über mich verloren. Ich bin alleine auf der Toilette. Die ist hässlich, aber wer erwartet in so einer Bar schon eine schöne Toilette. Ich lese die Notizen die viele Frauen vor mir auf die Türe geschrieben haben. Ich trockne meine Tränen mit meinem Schal. Mein Schal ist multifunktional einsetzbar. Ich kehre an den Tisch zurück und lasse mir nichts anmerken. Schluck für Schluck lässt mich vergessen, dass der Mann und ich nicht füreinander bestimmt sind. Ich kuschle mich in meinen Schal. Mein Schal soll mich alles vergessen lassen. Mein Schal ist Trostspender, Wärmespender, Glücksspender, mein Schal ist mein Wegbegleiter. Jeder Schal hat seine Geschichte, jeder begleitet mich ein Stück des Weges ohne zu wissen wie die Geschichte enden wird. Der Schal spendet Schutz. Schutz davor zu viel Preis zu geben. Der Schal kann nicht weg. Er muss mich beschützen. Es ist seine Aufgabe. Der Mann macht mich rasend. Er ist heute abend der beste Gast. Der Barkeeper setzt sich neben ihn und unterhaltet sich gut mit ihm. Ich kann nicht mehr. Ich muss los. Ich springe auf, der Stuhl fällt zu Boden aber der Schal, der bleibt. Er klammert sich an meinen Hals. Der Schal würde mich nie verlassen. Ich verlasse das Lokal aber ich bin nicht alleine denn mein Schal ist bei mir.
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